Okt 07

Berufsstand der Wirtschaftsprüfer – baldiges Opfer der Digitalisierung?

 

Lesezeit 5 Minuten

Digitalisierung – ein Begriff, der bei vielen Menschen Begeisterung hervorruft. Anderen wird bei diesem Wort eher flau im Magen. Die Umwandlung analoger Inhalte oder Prozesse in digitale Formate bietet einerseits unendlich viele Möglichkeiten, andererseits werden auch viele menschliche Tätigkeiten überflüssig. Wird auch der Berufsstand der Wirtschaftsprüfer Schritt für Schritt durch die zunehmende Digitalisierung verdrängt?

Aktuell stellt die Digitalisierung die Wirtschaftsprüfer vor große Herausforderungen. Die Geschäftstätigkeiten der Unternehmen und deren Geschäftsprozesse werden immer kom­plexer und schneller, wodurch die Anforderungen an Systemprüfungen stetig wachsen. Die Kombination aus einer ständig wachsenden Vernetzung und Automatisierung sowie einer immensen Menge an unterschiedlichsten Daten macht einen Verzicht auf neue Technologien nahezu unmöglich. Das Auseinandersetzen mit diesen neuartigen „Tools“ ist also für den Berufstand der Wirtschaftsprüfer unumgänglich. So stehen die Schlagworte „digitale Daten­analysen“, „Big Data“, „Process Mining“, „Blockchain“ sowie „Künstliche Intelligenz (KI) und Robotics“ für einige der Technologien, die den Weg zu einer digitalen Prüfung ebenen.

Bei der digitalen Datenanalyse werden sowohl aus strukturierten als auch aus unstruktu­rierten Daten Informationen gewonnen, die im Prüfungsprozess genutzt werden können. So sind Abweichungen oder Inkonsistenzen innerhalb der Daten erkennbar, was vor allem in komplexen Prüffeldern zu einer erhöhten Qualität bzw. Prüfungssicherheit führen kann. Diese resultiert aus der Identifikation von Fehlerrisiken sowie deren Quantifizierung. Digitale Daten­analysen gibt es jedoch schon seit vielen Jahren in der Wirtschaftsprüfung. Hierbei wird der Prüfer durch eine Vielzahl von Funktionen unterstützt, um wesentliche Daten aus einer großen Menge zu extrahieren. Beispiele hierfür sind das Filtern, Verdichten, Sortieren oder auch Rechenoperationen. Zukünftig wird dies wahrscheinlich durch den gezielteren Einsatz von Algorithmen weiter erleichtert werden.

Beim Process Mining werden digitale Prozessspuren gesammelt, die dann in sog. Ereignisprotokollen aufgezeichnet werden. Dabei werden sämtliche Unternehmensdaten analysiert, was eine Stichprobe des Wirtschaftsprüfers im Voraus überflüssig macht. Durch die Visualisierung und Analyse der abgebildeten Prozesse können z. B. Engpässe oder Probleme identifiziert werden. Die transparente Darstellung der Prozesse reduziert folglich das Ent­deckungsrisiko und somit das Prüfungsrisiko.

Die Technologie der KI und Robotics ist der offensichtlichste Versuch, menschliche Tätigkeiten und Denkweisen zu ersetzen. Dabei wird das menschliche Bewusstsein imitiert, indem eine Software durch eine Kette von Algorithmen Informationen identifiziert und anschließend verarbeitet. So ist es durchaus möglich, dass Berichte und Verträge durch Computer auf Anomalien überprüft werden, was nur eine von zahlreichen Einsatz­möglichkeiten darstellt.

Dies sind nur drei von zahlreichen Technologien, die in der Prüfung zum Einsatz kommen können. Bleiben bei so vielen Einsatzmöglichkeiten neuartiger Technologien überhaupt noch Aktivitäten für den Prüfer übrig? Natürlich bieten die genannten Technologien immense Verbesserungs- und Digitalisierungschancen. So kann etwa die Prüfungssicherheit bei gleich­zeitiger Kostenreduzierung erhöht werden. Jedoch gibt es auch hier klare Grenzen, in denen sich ihre Fähigkeiten bewegen. So gelten für viele technologische Tools grundlegende Vor­aussetzungen, die für eine Anwendung erforderlich sind.

Das Process Mining erfordert z. B. eine lückenlose Datenpflege, um zuverlässige Ergebnisse zu liefern. Hiermit ist nicht nur das vollständige Einpflegen der Daten, sondern auch das Speichern qualitativ hochwertiger Daten gemeint. Wurden im zu prüfenden Unternehmen fehlerhafte Belege gebucht, werden diese dem Prüfer im Fall einer Analyse angezeigt. Dabei werden aber auch Belege, die nicht wesentlich falsch sind – beispielsweise lediglich ein falsches Datum gebucht wurde –, in der Liste aufgeführt. Existieren im zu prüfenden Unter­nehmen viele derartige Daten, müssen Prüfer trotz Analyse Einzelfallfallprüfungshandlungen durchführen, um unwesentliche Fehler von den wesentlichen zu unterscheiden. Ansonsten – also ohne die Arbeit des Prüfers – ist die Aussagekraft der digital erzeugten Prüfungs­ergebnisse gering. Außerdem sind die verwendeten ERP-Systeme gewöhnlich nicht prozess­orientiert aufgebaut, was zunächst die Identifizierung und Abgrenzung des zu prüfenden Prozesses vor der digitalen Analyse erfordert.

Auch der gefürchtete Bereich der KI und Robotics ist nicht unbegrenzt einsetzbar. Hier ist der größte Nachteil sicherlich in der sozialen Intelligenz zu sehen, die von Maschinen nicht er­lernt werden kann. So können diese zwar Informationen extrahieren, allerdings wissen diese nicht, wann sie diese an die Teammitglieder weiterleiten sollen.

Auch der persönliche Kontakt und die Kommunikation mit dem Mandanten, die zum einen einen sehr hohen Stellenwert besitzen und zum anderen vom Mandanten erwartet werden, können nicht durch Technologien ersetzt werden.

Unter dem Strich werden also vor allem Routineaufgaben automatisiert. Andere Tätigkeiten können nicht durch neue Technologien übernommen werden. Der Wirtschaftsprüfer wird also nicht verdrängt. Vielmehr befindet sich der Berufsstand in der sog. Audit Transformation. Er muss sich an die neuen Rahmenbedingungen anpassen und die bereitgestellten Technologien zum eigenen Vorteil nutzen. Auch wenn technologische Werkzeuge dem Prüfer einige Aufgaben abnehmen, kann er nie im Bereich des Judgements ersetzt werden.

Die Aufgabe des Prüfers beginnt dort, wo digitale Informationen mit der Realität über die Grenzen technischer Schnittstellen hinweg analysiert, abgeglichen und beurteilt werden müssen. Die Unternehmenskenntnis, die Ermessensfähigkeit und die Erfahrung des Prüfers bleiben weiterhin die maßgebenden Werkzeuge der Wirtschaftsprüfung.

Die Digitalisierung liefert lediglich weitere Werkzeuge, die den Wirtschaftsprüfer unter­stützen, aber nicht deren Existenz bedrohen. Daher sollte der Berufstand der Wirtschafts­prüfer in derartige technologische Tools investieren und deren Anwendung beherrschen, um die Chancen der Digitalisierung für sich zu nutzen und die Anforderungen der Mandanten zu erfüllen.

 

 

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