Nov 05

Noch Wirtschaftswissenschaftler oder schon Wirtschaftsinformatiker? – Anforderungen an (junge) Prüfer

Lesezeit 6 Minuten (ca. 850 Wörter)

Die Digitalisierung bringt viele Veränderungen mit sich, auf die der Berufsstand reagieren muss (siehe https://www.dawur.de/2019/10/07/berufsstand-der-wirtschaftspruefer-baldiges-opfer-der-digitalisierung/). Es ändern sich dabei nicht nur Technologien und gesetzliche Rahmenbedingungen, sondern auch die Erwartungen der Mandanten an die Abschlussprüfung und – somit – an die Prüfer. Aber welche konkreten (An-)Forderungen stellen die Mandanten jetzt und zukünftig an die Prüfer? Zwar ist jeder Mandant einzigartig, doch es sind folgende Tendenzen zu beobachten:

Bedingt durch die fortschreitende Digitalisierung ist die Auseinandersetzung mit neuen Technologien ein zentraler Bestandteil der Wirtschaftsprüfung. Der Prüfer wird ein „digitaler Generalist“, der neuartige Programme bedienen und auch in ihren technischen Grundzügen verstehen kann. Er muss daher in der Lage sein, die Funktionalität der Systeme nachzuvollziehen und ihre Wirksamkeit und Zweckmäßigkeit zu beurteilen. Außerdem stellen die zahlreichen IT-lastigen Schnittstellen bedeutende Datenquellen für den Prüfer dar – so etwa die Cloud („Mirror World“), in der sämtliche Daten eines Unternehmens für Externe (wie Lieferanten, Banken oder den Prüfer) einsehbar zur Verfügung gestellt werden. Um diese regelrechte Datenflut im Sinne von „Big Data“ auswerten zu können, sind für den Prüfer hinreichende Analyseerfahrungen und der sichere Umgang mit innovativen Analysetools unabdingbar. Dies erhöht die Bedeutung sog. Data-Scientist in der Abschlussprüfung.

Sieht man mal von den stetig (an-)wachsenden Dokumentationserfordernissen ab, ermöglichen die Standardisierung und die Automatisierung von Routineaufgaben, dass sich Prüfer verstärkt auf komplexe inhaltliche Fragen konzentrieren können. So nutzt der Prüfer die – mit Unterstützung der „Tools“ – aufbereiteten Daten, um diese zu interpretieren. Die Kompetenz des Prüfers, Technologien zu nutzen und Urteile auf Grundlage seiner Fachkompetenz zu treffen, ist eine der zentralen Anforderungen, die ein gegenwärtiger und vor allem ein zukünftiger Prüfer erfüllen muss.

Neben den IT-bezogenen Anforderungen existieren jedoch zahlreiche stereotypische Vorstellungen über Abschlussprüfung und Prüfer. Das wohl bekannteste Vorurteil über das Wesen der Abschlussprüfung besteht in der (ausschließlichen) Vergangenheitsorientierung. Schließlich wird das vergangene Wirtschaftsjahr eines Unternehmens betrachtet. Allerdings reicht die alleinige Betrachtung der Vergangenheit in der Prüfung keineswegs aus. So sind bei der Bewertung von Vermögensgegenständen und z. B. Rückstellungen zukünftige Entwicklungen maßgebend. Außerdem beurteilt der Abschlussprüfer laut IDW PS 270 auch die Fortführung der Unternehmenstätigkeit, was ebenfalls eine zukunftsorientierte Sichtweise erfordert. Zudem befasst sich der Prüfer zukunftsorientiert mit (möglichen) Gesetzesänderungen und informiert den Mandanten schon im Voraus über eben diese.

Die Arbeit des Abschlussprüfers setzt darüber hinaus soziale und kommunikative Fähigkeiten voraus. So steigt aufgrund von Gesetzesänderungen, innovativen Tools und strengeren Rahmenbedingungen auch die Anzahl der Fragen, mit denen sich die Mandanten konfrontiert sehen. Deren Beantwortung obliegt meist dem Prüfer, der dies aus Sicht des Mandanten allerdings in vielen Fällen nur unzureichend erfüllt. So sind schriftliche Antworten des Wirtschaftsprüfers mit Sicherheit fachlich hochwertig, jedoch (auch aus Gründen der Haftung) viel zu umfangreich und abstrakt verfasst, sodass diese zur Anwendung im operativen Geschäft des Mandanten eher ungeeignet sind. Hier ist also ein grundlegendes Verständnis für die Geschäftstätigkeit des Mandanten unerlässlich, um solche Anfragen möglichst kurz, verständlich und verwertbar zu beantworten. Eine stärkere Anwendungsorientierung bietet dann einen spürbaren Mehrwert für den Mandanten.

In diesem Zusammenhang ist auch die „Response-Erwartung“ bedeutsam, die die Erwartungshaltung über eine zeitnahe (meist unmittelbare) Beantwortung solcher Fragen beschreibt. Durch die sich immer schneller ändernden Rahmenbedingungen für Unternehmen wird von dem Prüfer erwartet, sich dieser Geschwindigkeit anzupassen und hinsichtlich der Kommunikation grundsätzlich flexibler zu agieren.

Der persönliche Kontakt zum Mandanten zeichnet sich insbesondere durch das gegenseitige Vertrauen und die Fachexpertise des Prüfers aus. Hierbei geht der Mandant grundsätzlich von der Unabhängigkeit und Verlässlichkeit des Prüfers aus. Um diesem „Vertrauensvorschuss“ Rechnung zu tragen, sollte der (wenn auch zeitaufwendige) persönliche Kontakt in keinem Fall vernachlässigt werden. Um das erarbeitete Vertrauen aufrecht zu erhalten, sollten (zumindest zentrale) Kontaktpersonen für das Unternehmen nicht häufig wechseln (sog. Teamkontinuität).

Der Prüfer wird im Rahmen seiner Tätigkeit von den meisten Mandanten als „Sparringspartner“ gesehen, von dessen Wissen man profitieren kann. So wünschen sich Mandanten einerseits eine effiziente und kostengünstige Prüfungsdurchführung unter Einsatz innovativer und digitaler Methoden, andererseits werden aber proaktive Empfehlungen und Hinweise des Prüfers geschätzt, so etwa bezüglich einer profitableren Debitorenstruktur (z. B. durch die Einführung eines Mindestbestellwertes bei kostenintensiver Bestellprüfung). Solche Optimierungsmöglichkeiten sind oft im Zuge der durchgeführten Datenanalysen für den Prüfer ersichtlich.

Die Bedeutung sozialer Kompetenzen – sog. Soft Skills – wird oftmals unterschätzt. Aber selbst, wenn es sich billig anhört, auch in der Mandantenbeziehung gilt der Spruch, den man sich früher ins Poesiealbum (die „Älteren“ unter uns wissen, wovon die Rede ist) geschrieben hat: „Es dauert Jahre, um Vertrauen aufzubauen, aber nur Sekunden, um es zu zerstören.“ So tragen Kompetenzen wie Diskussionsfähigkeit, Verbindlichkeit oder Kompromissfähigkeit – wobei sich letztere natürlich nur im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben bewegen darf – wesentlich zum Vertrauensaufbau und -erhalt sowie einer grundsätzlich positiven und angenehmen Zusammenarbeit bei.

Schlussfolgernd bleibt der Prüfer also eben dieser und muss sich nicht in einen Wirtschaftsinformatiker verwandeln. Vielmehr ist eine Kombination aus Fachkompetenz und grundlegenden Informatikkenntnissen optimal, weshalb Wirtschaftsinformatikern die Tür zu den Wirtschaftsprüfungsgesellschaften weit offensteht.

Sowohl gegenwärtige Berufsträger als auch ambitionierte Nachwuchskräfte sollten also nicht den Umgang mit neuartigen Tools scheuen und sich vor allem auf die persönliche Interaktion mit den Mandanten konzentrieren.

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