Nov 21

Müssen Wirtschaftsprüfer alle (wesentlichen) Fehler finden? – Was prüft ein Wirtschaftsprüfer? –

Lesezeit 4 Minuten (ca. 500 Wörter)

Wirtschaftsprüfung – dieser Begriff klingt für viele Menschen sehr abstrakt. Der Zweck und das Ziel der Prüfung sowie die damit verbundenen Tätigkeiten und Aufgaben des Wirtschaftsprü­fers sind den meisten ein Rätsel. Was macht der Wirtschaftsprüfer eigentlich?

Der Abschlussprüfer prüft, ob der handelsrechtliche (und nicht der steuerrechtliche) Jahres­abschluss und der Lagebericht eines Unternehmens unter Einhaltung der einschlägigen Ge­setze und Vorschriften aufgestellt wurden. Mit seinem sog. Bestätigungsvermerk, dem Tes­tat, fällt er also – entgegen den Erwartungen der überwiegenden Mehrheit der Öffentlichkeit – kein Urteil über die wirtschaftliche Lage des Unternehmens. Er unterstützt vielmehr beispiels­weise die aktuellen und potenziellen Aktionäre sowie die übrigen Kapitalgeber, aber auch die Ge­schäftspartner des geprüften Unternehmens, indem er die Ordnungsmäßigkeit des Ab­schlusses und des Lageberichts des in Rede stehenden Unternehmens prüft und bestenfalls be­stätigt. Die wirtschaftliche Lage des Unternehmens, die sich aus den Zahlen des Ab­schlusses ergeben, haben die Adressaten, z. B. die Aktionäre, aber selbst zu beurteilen. Diese Dis­krepanz zwischen den Erwartungen der Öffentlichkeit und der eigentlichen Aufgabe des Ab­schlussprüfers bezeichnet man als Erwartungslücke.

Darüber hinaus kann es sein, dass die Erwartungen der Öffentlichkeit in einem weiteren Punkt ent­täuscht werden, denn der Wirtschaftsprüfer garantiert nicht die 100-prozentige Ordnungs­mäßig­keit bzw. Richtigkeit von Jahresabschluss und Lagebericht. Er muss vielmehr fest­stellen, ob die­se Rechnungslegungsinstrumente frei von wesentlichen Verstößen und Fehlern sind. Al­le Verstöße oder Unrichtigkeiten innerhalb des Jahresabschlusses zu er­kennen, würde den Wirt­schaftsprüfer vor eine unlösbare Aufgabe stellen.

Um zum Prüfungsurteil zu gelangen, schreibt der Gesetzgeber eine gewissenhafte Berufs­ausübung (vgl. § 317 Abs. 1 Satz 3 HGB) vor. Er verzichtet aber auf eine weitergehende Er­läuterung. Entsprechend greifen Wirtschaftsprüfer auf den risikoorientierten Prüfungs­ansatz zurück, der nicht nur vom Institut der Wirtschaftsprüfer (IDW) als sachgerechtes Vor­gehen (IDW PS 261 n. F.) deklariert wird. Dieser Ansatz beinhaltet in keinem Fall eine Voll­prüfung. Der Wirtschaftsprüfer muss also nicht jeden einzelnen Geschäftsvorfall auf sachge­rechte Umsetzung in den Büchern des Unternehmens und beispielsweise jede einzelne Ver­mögens­position des Unternehmens auf Vorhandensein und Eigentum (über-)prüfen. Er darf sich das Prüfen in Grenzen erleichtern.

Dabei wird dem Wirtschaftsprüfer ein weiteres Zugeständnis gemacht: Von ihm wird nicht ver­langt, dass er sein Prüfurteil auf Basis einer 100-prozentigen Prüfungssicherheit trifft. Bei der Sicher­heit des Prüfungsurteils wird von einem akzeptablen Niveau des Prüfungsrisikos von 5% ausgegangen, womit sich eine tatsächliche Prüfungssicherheit von (mindestens) 95% er­gibt. Man spricht von dem Konzept der hinreichenden Sicherheit.

Es besteht also ein unvermeidbares Risiko aufgrund begrenzter Feststellungs- und Er­kenntnis­möglichkeiten, dass der Abschlussprüfer selbst wesentliche Fehler im Jahres­abschluss und Lagebericht nicht entdeckt. Gründe dafür, dass keine absolute Sicherheit garantiert werden kann, sind etwa immanente Gren­zen des internen Kontrollsystems (IKS), die Prüfung in Stichproben sowie die Urteilsbild­ung auf Basis von Feststellungen und Beurteilungen.

Zusammenfassend muss die Tätigkeit der Wirtschaftsprüfer also wie folgt relativiert werden:

  Erwartung (von Teilen)
der Öffentlichkeit
Tätigkeit des Wirtschaftsprüfers
Prüfungsziel Wirtschaftlichkeit des Unternehmens Ordnungsmäßigkeit der Rechnungslegung
Prüfungsumfang Vollprüfung keine Vollprüfung
Fehler frei von sämtlichen Fehlern frei von wesentlichen Fehlern
Prüfungssicherheit 100% mind. 95%

 

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